Standort der Bank: Unternehmen MItte, Gerbergasse 30, 4001 Basel, Switzerland

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01.01.2023 - Long-Term Project

Raphael Bottazzini

Bank & Stapel

Die Bank würdigt nicht, sie zeigt Namen in ihrer Vielfalt – der Vielfalt, die die Gesellschaft hervorbringt. 
Die Bank ist seit 2023 aktiv und folgt der Doktrin, dass jede Person genannt werden darf. Von den drei Brettern wird jeden Monat eines ausgewechselt. Die abgenommen Bretter bilden abseits, fortlaufend einen Stapel. Die Namen werden von verschiedenen Personen, die untereinander nicht abgesprochen handeln, ausgesucht und in die Arbeit eingebracht. Durch dieses Verfahren wird die Bank zu einem Sammelbecken von Namen und folgt keiner ideologischen Ausrichtung. Die kuratorische Arbeit beschränkt sich lediglich auf die Zusammensetzung jeweils zweier Namen auf einem Brett. Die grössere offensichtliche Willkür der Namenszusammenhänge entsteht durch das monatliche Anbringen eines neuen Brettes. Dabei vermischen sich die neuen Namen mit den alten, wodurch sich kontinuierlich auf der ganzen Bank neue Konstellationen ergeben.

Das Unternehmen Mitte ist nicht Teil der Arbeit und hat kein Mitspracherecht. 

Raphael Bottazzini

ARTACHMENT, Hochbergerstrasse 165, 4057 Basel / Switzerland

Bank & Stapel

Bank und Stapel ist, wie der Titel schon suggeriert, nicht ein einzelnes Kunstwerk. Genau genommen sind es auch nicht nur die zwei hier titelgebenden Konstituenten. Vielmehr sind die Bank und ihre Teile zugleich Träger und Initiator einer überaus komplexen Interaktion zwischen Künstler, Material, Wort, Betrachtern sowie deren Wahrnehmung und Erinnerungen. Sechs scheinbar willkürlich ausgewählte Namen finden sich insgesamt auf den Hölzern der Sitzfläche und der Lehne, sechs Namen, die jeweils ausgetauscht werden.

Passanten werden Akteure – vielleicht sitzend, alleine oder gemeinsam, nachdenkend, sinnierend, diskutierend. Wo sind die alten Namen geblieben? Trügt die Erinnerung – waren diese schon immer da? Habe ich vergessen? Warum nun diese, wo ist deren Verbindung? Der Betrachter muss eintauchen in die eigene Erinnerung, ein aktiver, suchender Prozess beginnt, der die eigene Erinnerung, die eigene Sicht auf die Welt und die in ihr handelnden Personen hinterfragt. Das Werk erzählt also vom Kommen und Gehen der Menschen in unserer Wahrnehmung, in unserem Leben, von der Dynamik der sozialen Kontakte.

Die Bank ist also weder physisch noch in ihrem Inhalt statisch, die abgenommenen Hölzer werden sauber und akkurat aufeinandergeschichtet – hier ist er, der Stapel - erkennbar getrennt nach Jahren. Es entsteht so ein skulpturales Archiv, ein kollektives Gedächtnis, eine Erinnerung an Namen, an Ereignisse, an Kontroversen, die zum gegebenen Zeitpunkt für Kollektiv und Individuum eine Relevanz hatten, bemerkens- oder einfach nur merkenswert waren. Dass es dabei aufgrund der scheinbar willkürlichen und breit gestreuten Namensauswahl auch immer wieder zu Irritationen kommt, ist nicht nur intendiert, sondern eine Zwangsläufigkeit. 

Was Raphael Bottazzini mit „Bank & Stapel“ transformatorisch erschafft, ist das sich physisch manifestierende Abbild unserer erinnernden Wahrnehmung. Wir nehmen die Personen unserer Gegenwart wahr, sprechen mit ihnen, mit anderen über sie, werten und bewerten sie, kategorisieren und sortieren sie. Irgendwann verschwinden sie vielleicht aus unserer unmittelbaren Lebenswelt, wir sehen und hören sie nicht mehr, nichts mehr über sie. So archivieren wir dann also unser Wissen und unsere Erinnerungen an die Person, an die Gespräche, die wir mit ihnen oder mit anderen über sie geführt haben. Die Details aber schwinden, werden vage, verschwinden irgendwann ganz. Was bleibt, ist ein Name in einem Stapel.

Niels ten Brink

Niels ten Brink

Basler Zeitung

Beobachter

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UM Unternemen Mitte

Kurzinterview mit Raphael Bottazzini

Was ist Kunst?
Kunst wurde in Epochen immer verschieden definiert. Vielleicht stellt man mehr die Frage; was kann Kunst heute leisten? Kunst kann vieles, unteranderem die Sensibilisierung der eigenen Wahrnehmung.

Was gefällt Dir am Unternehmen Mitte?
Es ist ein zentraler, öffentlicher Begegnungsort. Ein Ort für spontane Treffen und zugleich darf man auch Stunden lang seiner Arbeit nachgehen.

Was bezweckst Du mit dem Projekt Bank&Stapel ?
Ein Werk zu schaffen das zugänglich ist und zugleich offensiv Fragen stellt.

Warum findet du es richtig, das der Name von diesem Neonazi auf das Brett geschrieben wurde?
Warum ist das wichtig?
Warum gehören auch Verbrecherinnen zu der Gesellschaft?

Ein Mensch, der eine aktive, artikulierte, diskriminierende und menschenverachtende Ideologie in die Gesellschaft trägt, kann gesetzlich verurteilt und von der Gesellschaft getrennt werden. Das Wirken dieser Ideologie bleibt jedoch bestehen. Das Problem verschwindet nicht, sondern verlagert sich und kann an anderer Stelle erneut an Stärke gewinnen. Somit ist diese Person immer noch Teil der Gesellschaft. 

Was ist das Missverständis derer, die sich daran stossen?

Es ist das Medium Kunst. Kunst entzieht sich eindeutigen Aussagen. Sie umkreist, deutet an und lässt verschiedene Blickwinkel nebeneinander bestehen. Aus dieser Offenheit entsteht Unbehagen – ein Zustand, in dem vorgefasste Meinungen sichtbar werden und in Handlung umschlagen können.

Was ist dein Anliegen, diese Provokation zu organisieren als Künstler?

Mein Anliegen ist es, ein Kunstwerk zu platzieren, das zum Nachdenken über die Gesellschaft und ihren Zustand anregt. Dies erfordert eine Struktur, in der man sich fragen muss: Was ist meine Interpretation und kann ich ihr trauen?

Die zentrale Frage ist, was Kunst bewirken kann. Kunst vermag zu sensibilisieren und die Wahrnehmung zu schärfen. Die Bank arbeitet mit feinen, gezielten Stolperfallen, wodurch im besten Falle neue Fragen entstehen.

Ein Name ist keine Zahl. Mehrere Personen können denselben Namen tragen. Ohne klaren Kontext ist ein Name oft lose. In dieser Offenheit liegt auch eine Qualität der Arbeit. Die Bank ist nicht vollständig lesbar und besitzt in dieser Hinsicht einen abstrakten Charakter.

Es geht nicht um eine inhaltliche oder ideologische Ausrichtung. Die Bank folgt der Doktrin, dass jede Person genannt werden darf. Daraus ergeben sich zwangsläufig politische, soziale und gesellschaftliche Fragestellungen. Moral braucht Freiheit.

Raphael Bottazzini


Was ist ein Name? Kann ein Name ohne Kontext eingeordnet werden? Ist eine Nennung zugleich eine Wertung? Welche Spannungen oder Konflikte werden sichtbar, wenn jeder Name öffentlich genannt wird? Kann ein Kunstwerk auf privatem Grund wirklich privat sein, wenn es für die Öffentlichkeit sichtbar ist? Wenn das Gesetz zwischen privater und öffentlicher Person unterscheidet, kann Kunst diese Grenze infrage stellen? Kann man von einer Gegenüberstellung zweier Namen sprechen, wenn auf der Bank insgesamt sechs Namen stehen? Wie tragfähig ist ein loses und anonymes Kollektiv, das Verantwortung scheinbar abgibt, während persönliche Motive seiner Mitglieder wirken – obwohl zugleich der Gedanke gilt, dass alle Namen genannt werden dürfen? Welche Verantwortung übernimmt der Künstler im Konzept Bank&Stapel? Worin unterscheidet sich Meinungsfreiheit von Kunstfreiheit? Soll Kunst sich erklären? Ist Kunst von Natur aus politisch oder wird sie politisiert?